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Vollendung – und Anfang
Susan Sontag über Rainer Werner Fassbinders BERLIN ALEXANDERPLATZ
Mit BERLIN ALEXANDERPLATZ reüssiert Rainer Werner Fassbinder, wo viele
andere scheiterten: Er hat praktisch einen gesamten Roman verfilmt. Mehr
noch: Ihm ist
die große und obendrein getreue Verfilmung eines großen Romans
gelungen. (...)
Fassbinders Kino ist voller Biberkopf-Figuren – Opfer
falschen Bewusstseins. Und das Material von BERLIN ALEXANDERPLATZ wird in
seinen Filmen vielfach vorweggenommen,
deren wiederkehrende Themen beschädigtes Leben und Randexistenzen sind – Kleinkriminelle,
Prostituierte, Transvestiten, Gastarbeiter, deprimierte Hausfrauen und übergewichtige
Arbeiter am Ende ihrer Kraft. Genauer noch, die grauenvollen Schlachthausszenen
in BERLIN ALEXANDERPLATZ werden von den Schlachthaussequenzen in WILDWECHSEL
und IN EINEM JAHR MIT 13 MONDEN antizipiert. Doch BERLIN ALEXANDERPLATZ ist
mehr als ein Kompendium von Fassbinder wichtigsten Themen. Es war die Vollendung – und
der Anfang. (...)
Obwohl der Film vom Fernsehen ermöglicht wurde – es
ist eine Koproduktion des deutschen und des italienischen Fernsehens –,
ist BERLIN ALEXANDERPLATZ keine Fernsehserie. Eine Fernsehserie wird nach „Folgen“ aufgebaut,
die eigens dazu entworfen werden, dass man sie in zeitlichem Abstand anschaut – wobei
der Abstand in der Regel eine Woche beträgt (...). Die einzelnen Teile
von BERLIN ALEXANDERPLATZ sind keine Folgen im eigentlichen Sinne, da der
Film verliert,
wenn er auf diese Weise gesehen wird, verteilt über vierzehn Wochen
(wie ich ihn zum erstenmal im italienischen Fernsehen gesehen habe). Es ist
sicherlich
eine bessere Art und Weise, ihn in einem Filmtheater aufgeführt zu sehen – fünf
Abschnitte von etwa je drei Stunden, über fünf aufeinanderfolgende
Wochen verteilt. Ihn im Verlauf von drei oder vier Tagen zu sehen wäre
sogar noch besser. Am besten wäre es, so viel wie möglich in kürzester
Zeit anzuschauen, genau wie man einen langen Roman mit einem Maximum an Genuss
und Intensität liest. In BERLIN ALEXANDERPLATZ hat der Film, jene hybride
Kunst, endlich etwas von jener sich Zeit lassenden, offenen Form und der
akkumulierenden Kraft des Romans erlangt, indem er länger dauert, als
je ein Film zu sein wagte – und indem er theatralisch ist. (Auszüge aus Susan Sontags Essay „Ein
Roman wird Film: Fassbinders
Berlin Alexanderplatz“, in: Susan Sontag, Worauf es ankommt. Essays. Aus
dem Amerikanischen von Jörg Trobitius und anderen. Erscheinungstermin: 5.
März 2005. Mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlages. © Carl
Hanser Verlag München Wien)
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