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Sirk war „eben nicht, wie man sich Hollywood so vorstellt“;
er sei
ein „hochgebildeter Europäer, hoch sensibel“. Aber bei Sirk
erst sei ihm „klar geworden, dass es absolut möglich ist“, sich
der „verlogenen Hollywooder Dramaturgie“ zu bedienen, eine „direkte
und unverhohlene Publikumswirkung“ zu erreichen und doch subversive Filme
zu machen.
Sirk: das war weder Hitchcock noch Fuller, Ray, Ford oder Hawks; weder Gangsterfilm
noch Western, weder Landschaften noch die Kriminalität der Schwarzen Serie;
nicht die Kultfiguren, die tough-guys, nicht die großen Mythen des amerikanischen
Kinos; sondern: seine banalsten, trivialsten Seiten: das Treibhaus der verdrängten
Gefühle, die Versagungen, welche der groß- oder kleinbürgerliche
Alltag verlangte. Ehe und Karriere, Geschäft und Liebe, Mikroprozesse der
Kommunikation. Das war Fassbinders Domäne. Ein Autorenfilmer wie seine Generationsgenossen,
knüpft er doch über Sirk und die tragisch-sentimantalen Stoffe des
Melodramas an die abgerissene Tradition des traditionellen Erzählkinos wie
kein anderer an. „Sirk hat gesagt, man kann nicht Filme über etwas
machen, man kann nur Filme mit etwas machen, mit Menschen, mit Licht, mit Blumen,
mit Spiegeln, mit Blut ... Sirk hat außerdem gesagt, das Licht und die
Einstellung, das ist die Philosophie des Regisseurs“ (Fassbinder). Also
weder „Problemfilme“, welche die Redundanz des Erzählens unter
das Diktat der übergeordneten Begriffe und der illustrativen Funktion stellen;
noch das erbaulich-repressive Melodrama, das im deutschen „Heimatfilm“ der
Fünfzigerjahre die bundesrepublikanische Filmszene beherrscht hatte.
Bevor Fassbinder jedoch in die zweite intensive Phase seiner Produktivität
gelangte, die mit der BOLWIESER-Adaption einsetzte und bis zu seinem Tod reichte,
geriet er in eine Krise. Sie hatte tiefreichende äußere Ursachen:
sein letzter Versuch, aus einer existentiellen Gruppensituation heraus zu arbeiten,
sein oft geträumter Traum von der „Großfamilie“ scheiterte
endgültig. Das Experiment der Mitbestimmung am „Theater am Turm“ wurde
weder von der Stadt Frankfurt am Main gebilligt, noch konnte es Fassbinder befriedigen,
der wohl vorhatte, mit dem festen Stamm eines Theaterensembles weitere Film-
und Fernsehprojekte zu entwickeln. Die öffentliche Kritik an der Theaterarbeit,
dann die zwiefache, demütigende Zurückweisung der schon erwähnten
Vorhaben, Gerhard Zwerenz’ Frankfurt-Roman und Gustav Freitags Soll
und Haben zu adaptieren; schließlich ein drohender Plagiatsvorwurf
gegen die Story von MARTHA – : sie lösten in dem beispiellos Erfolgreichen
die Panik der Zurückweisung, der Isolation und des künstlerischen Stillstands
aus. Nicht nur die Titel, sondern auch die erzählten Geschichten der Filme
jener Zeit signalisieren die existentielle Situation: ANGST VOR DER ANGST, ICH
WILL DOCH NUR, DASS IHR MICH LIEBT und SATANSBRATEN. In der Tat war er mit dem
Konzept seiner einfachen Parabelfilme wie dem HÄNDLER DER VIER JAHRESZEITEN
und ANGST ESSEN SEELE AUF, denen er dann noch FAUSTRECHT DER FREIHEIT hinterherschickte,
an einen künstlerischen Endpunkt gekommen; mit MUTTER KÜSTERS’ FAHRT
ZUM HIMMEL und der zynisch-verzweifelten Komödie SATANSBRATEN verteilte
er Rundumschläge: gegen ein scheinheiliges, durch die Mediengeilheit verkommenes
soziales Gewissen der Linken und gegen die autoritäre Selbstinszenierung
eines künstlerisch ausgelaugten ehemaligen Revolutionsbarden. Das waren
auch Selbstkasteiungen. Aus diesem öffentlichen und veröffentlichten
Purgatorium, einer tiefgreifenden Identitätskrise Fassbinders geht er als
jemand hervor, der seine Arbeit nun im Zeichen Antonin Artauds und dessen „Theaters
der Grausamkeit“ begreift und wider die gesellschaftliche Rationalität
die Partei der unterdrückten Lebensenergien, des kasernierten Lebenswillens
und der entgrenzenden Freiheit des Wahnsinns setzt.
Das neu gewonnene künstlerische Selbstbewusstsein führte zu einer Verfeinerung
und Vervielfältigung artistischer Möglichkeiten und zu einer größeren
Komplexität seines ästhetischen Vokabulars. Es zeigte sich schon in
der epischen Ruhe des zweiteiligen BOLWIESER-Fernsehfilms, in den hochartifiziellen
Brechungen von DESPAIR (mit dem sein manieristisches Spätwerk einsetzt)
und trat dann in Fassbinders Episode zu DEUTSCHLAND IM HERBST als radikalste
existentielle Entblößung der eigenen Person, ihrer Ängste und
Grausamkeiten hervor. Solche Freiheiten erlaubt sich nur einer, der nichts mehr
zu verlieren hat – nur zu gewinnen. Nach dem kommerziellen Welterfolg der
EHE DER MARIA BRAUN standen Fassbinder alle Türen offen, seiner produktiven
Lust am Erzählen und Experimentieren nachzugehen.
Sein alter Traum, wie in Hollywood zu produzieren, war zweimal zerbrochen; in
der WARNUNG VOR DER HEILIGEN NUTTE (1970) hatte er eine erste Negativbilanz gezogen,
im SATANSBRATEN (1975/76) eine zweite. Gleichwohl fuhr er fort, in und mit Gruppen
zu arbeiten, bezog aber – eben durch seine kontinuierliche, ausgreifende
Tätigkeit – zugleich daneben viele andere in seine Film- und Fernseharbeiten
ein: Kameraleute, Dekorateure, Kostümbildnerinnen; vor allem aber entdeckte
er unbekannte Schauspieler(-innen) für das Kino, verpflichtete Bühnendarsteller
(wie Margit Carstensen); und anders als fast alle seine Kollegen vom Neuen Deutschen
Film holte Fassbinder eine ganze Reihe von vergessenen Schauspielern und Schauspielerinnen
des alten kommerziellen bundesdeutschen Films zurück auf die Leinwand: von
Luise Ullrich und Werner Finck (ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG) über Brigitte
Mira, Adrian Hoven, Barbara Valentin bis zu Rudolf Platte und Johanna Hofer (VERONIKA
VOSS). Er knüpfte dadurch nicht allein menschliche, sondern auch filmhistorische
Traditionsbezüge zum Kino seiner Jugend; ebenso pflanzte er seinem Werk
durch solche Beschäftigung mit den gleichen Schauspielern Kontinuitätsmerkmale
ein; schließlich aber strahlte seine Tätigkeit, die so viele Filmschaffende
an sich zog (nicht wenige nur auf Zeit; und manche auf Nimmerwiedersehen auch
von sich stieß – wie Hanna Schygulla oder Michael Ballhaus, Kurt
Raab oder Irm Hermann), weit in den bundesdeutschen Film hinein, den er dadurch
belebt, bereichert und professionalisiert hat. Dass sich im Verlauf seines Schaffens
(und besonders ab Mitte der Siebzigerjahre) eine hochqualifizierte filmkünstlerische
Infrastruktur in der Bundesrepublik herausgebildet hat, ist nicht zuletzt ein
Verdienst Fassbinders. Ebenso sehr aber auch des Fernsehens, des WDR, mit dem
Fassbinder viele seiner Arbeiten herstellen konnte. Dort waren es vor allem der
Produzent Günter Rohrbach und der Dramaturg Peter Märthesheimer, die
Fassbinder Arbeitsmöglichkeiten gaben. Als beide zur Bavaria gingen und
die überwiegend fernseheigene „Atelierbetriebsgesellschaft“ zu
einer der größten Film- und Fernsehproduktionsstätten in Europa
auszubauen begannen, zogen sie Fassbinder mit sich. Geiselgasteig sollte sein
Hollywood werden; und er sein Groß- und Starregisseur. Nach der EHE DER
MARIA BRAUN hat Fassbinder alle seine großen Filme dort gedreht – außer
dem JAHR MIT 13 MONDEN und der DRITTEN GENERATION, die er beide, mangels öffentlicher
Unterstützung, in eigener Produktion mit dem Filmverlag hergestellt hat;
sein letzter Film (QUERELLE) ist in Berliner Ateliers entstanden.
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