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Sicher hat Fassbinders Verbindung mit Rohrbach und Märthesheimer,
der zusammen
mit Pea Fröhlich das Drehbuch zur MARIA BRAUN schrieb, einer Tendenz der
bundesdeutschen Fernseh- und Filmproduktion die Richtung gewiesen: die Rückkehr
des ehemaligen open-air-Films mit dokumentarischer Zeugenschaft ins Atelier;
die Herstellung von mehrteiligen Fernsehserien nach literarischen Vorlagen und
die Produktion bewusst für den Weltmarkt entworfener Filme. Wie kein anderer
besaß Fassbinder die Freiheit, mit diesen Projekten und Kapitalien umzugehen,
d. h.: sich seine Stoffe zu wählen; wie kein anderer aber auch die künstlerische
Substanz und Kreativität, trotz dieses Wechsels vom low-budgetierten radikalen
Autorenfilm zum arbeitsteiligen Industrieprodukt seinen Arbeiten den Stempel
seiner künstlerischen Handschrift aufzudrücken. Besitzen seine zwei
Eigenproduktionen, die bezeichnenderweise direkte, aktuelle Interventionen sind,
ein schärferes Profil, ein zupackenderen Impetus, so arbeitet Fassbinder
in seinen „großen Filmen“ nicht minder persönlich – wenn
auch vermittelter, indirekter. Denn der späte Fassbinder, am Ende einer Ära,
die er bestimmte, hatte zu jener Produktionsmethode gefunden, von der er früher
sentimental als Gruppenproduktion träumte; nun erreicht er sie im Team,
in der Zusammenarbeit mit Spezialisten wie Rolf Zehetbauer (Dekor), Xaver Schwarzenberger
(Kamera), Peer Raben (Musik) und mit Stars wie Franco Nero, Jeanne Moreau oder
Brad Davis.
Das umfassendste, episch differenzierteste Kompendium seiner Menschen-Darstellung,
der Gefühle und Gedanken, der Wünsche und der Depressionen gelang Fassbinder
zweifellos in seinem zugleich intimen wie monumentalen Fresko (nach Alfred Döblins)
BERLIN ALEXANDERPLATZ. Der Großstadt-Roman ist einer der Großstadt-Menschen,
und wie er später die Sprachphantasmagorie Genets in Dekor, Licht, Farben übersetzt,
so lauscht der (Nach-)Erzähler Fassbinder auf die psychischen Unterströme
in der Prosa Döblins. Das babylonische Thema wird in die Psyche einer Vielzahl
von Personen zurückgenommen – in Gesten und Körpersprache, in
Blicke und kontrapunktische Kommentare. BERLIN ALEXANDERPLATZ ist seine persönlichste „Summa“ geblieben.
Rainer Werner Fassbinder war innerhalb des Neuen Deutschen Films ein Autor vom
Zuschnitt Balzacs; wie dessen einer ununterbrochenen Produktivität entwachsenes
Oeuvre trägt auch seines Züge des Unausgeführten, Misslungenen,
bloß flüchtig Hingeworfenen; es ist zugleich sehr persönlich
und episch-überpersönlich, inwendig und auswendig, emotional erhitzt
und eisig kühl, sentimental und zynisch; von großer Emphase für
die Außenseiter und die Opfer und von einer subtilen (auch derben) Faszination
für das ästhetische Raffinement. Er hat Stoffe und Themen, die „in
der Luft lagen“, mit seiner gereizten Sensibilität gewittert, bevor
sie „öffentlich“ wurden; trotz mancher misogyner Züge enthält
sein weitgespanntes Werk die vielfältigsten, differenziertesten Frauenporträts
des gesamten deutschen Nachkriegsfilms, verkörpert von Hanna Schygulla,
Margit Carstensen, Brigitte Mira, Elisabeth Trissenaar und Barbara Sukowa.
Er war kein Regisseur der Weite und der offenen Horizonte, kein Pathetiker der
Landschaft oder der Natur; seine Domäne waren die Enge, die Bedrängungen
des Dekors, darin Verspiegelungen und Durchblicke, wo er die poetischen Orte
des Kammerspiels aufsuchte und den unterdrückten Gefühlen in falschen
Gesten (et vice versa) zur Wahrheit ihrer uneingestandenen Wünsche verhalf.
Fassbinder war, in seinen historischen so gut wie in seinen aktuellen Arbeiten,
ein unnachsichtiger Chronist der menschlichen Verluste und ein Emphatiker der
Leiden, welche „der Angstapparat aus Kalkül“ (Fontäne),
den er in EFFI BRIEST zitiert, tief in den Einzelnen (Ver-einzelten) hinterlassen
hat und welcher noch deren Opfer sadomasochistisch zu eigenen Henkern macht.
Er war das schlagende Herz. Es ist nun stillgestellt.
(Zuerst erschienen unter dem Titel „Sein Name: eine Ära. Rückblicke
auf den späten Fassbinder“ in: Rainer Werner Fassbinder,
Reihe Film 2, Carl Hanser Verlag, München 1983; mit freundlicher Genehmigung
des Autors. Copyright: Wolfram Schütte.)
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