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Newsletter Dezember 2020

Einer der bedeutendsten Erneuerer des Kinos feierte am 3. Dezember seinen 90. Geburtstag: Ob als Kritiker der Filmzeitschrift Cahiers du cinéma, als zentraler Protagonist der Nouvelle Vague oder als politischer Aktivist, Jean-Luc Godard bewies Mut zum Experiment und Neugier aufs Unbekannte. Seine bisher letzte Regiearbeit BILDBUCH (2018), ein alles andere als altmeisterlicher Essayfilm, steht gerade in der Arte-Mediathek: https://bit.ly/2WndbPb DE https://bit.ly/3oXFcJq FR

Fassbinder war ein Kenner und Bewunderer des Regisseurs. Godards VIVRE SA VIE (1962) hatte er nach eigenem Bekunden siebenundzwanzig Mal gesehen: “Der Film hat mir viel Kraft gegeben. Er hatte ziemlich viel mit meinen Ideen zu tun, glaube ich.“ Spuren hinterließ VIVRE SA VIE auch in RWFs eigener Filmografie. Seinem Melodram ANGST ESSEN SEELE AUF (1974) stellte er etwa das aus Godards Film stammende Zitat “Das Glück ist nicht immer lustig“ voran und gab Hauptdarstellerin Anna Karina eine Rolle in CHINESISCHES ROULETTE (1976).

Godard wiederum besetzte in seinem Film PASSION (1982) Hanna Schygulla. Von der Stadt München wurde der Schauspielerin gerade der mit 10.000 Euro dotierte kulturelle Ehrenpreis verliehen. In früheren Jahren wurden bereits Persönlichkeiten wie Werner Herzog, Herlinde Koelbl und Gerhard Polt ausgezeichnet. In der Jury-Begründung heißt es: “Ihr Blick scheint somnambul, als sehe sie die Filmbilder im Entstehen schon von fern, dabei ist sie ganz präsent im Hier; spielt scheinbar unbeteiligt und doch mit höchster Intensität; undramatisch, fast bewegungslos, mit einer Stimme ohne große Schwingungen, im typischen Fassbinder-Schygulla-Sound.“ (Den gesamten Text kann man hier nachlesen: https://bit.ly/3mwdd1D DE) Wir gratulieren herzlich zur Auszeichnung!

Schon seit Wochen liegt das kulturelle Leben Corona bedingt wieder brach. Deshalb musste auch die Deutsche Kinemathek in Berlin die bereits vor zwei Jahren in Frankfurt am Main präsentierte Ausstellung “Hautnah – Die Filmkostüme von Barbara Baum“ vorerst wieder schließen (mehr Informationen zur Ausstellung auf der Website der Kinemathek: https://bit.ly/2IXSg2b DE https://bit.ly/3p4OKCx EN)

Josef Nagel beschreibt im Filmdienst aber sehr anschaulich, was man dort hoffentlich bald wieder bestaunen kann: “Was die Kuratoren Hans-Peter Reichmann und Isabelle Bastian in akribischer Kleinarbeit zusammengestellt haben und liebevoll präsentieren, verdient höchstes Lob! […] Über 50 Originalkostüme werden durch zahlreiche, auch sehr persönliche Dokumente aus Baums privatem Archiv ergänzt, die einen fulminanten Überblick über ihr Schaffen erlauben.“ (Den ganzen Text gibt es hier: https://bit.ly/37pEXAQ DE) Nach aktuellem Stand wird die Schau nach Wiedereröffnung noch bis zum 5. Mai 2021 zu sehen sein.

Anders als Museen durften Galerien während des “Lockdown light“ bisher geöffnet bleiben. Die Berliner Contemporary Fine Arts Galerie (CFA) konnte deswegen auch weiterhin ihre Gruppenausstellung zu Fassbinders 75. Geburtstag zeigen. “Der Goldene Reiter in Faustrecht der Freiheit aka Fox and His Friends“ versammelte zahlreiche Künstler wie Wolfgang Tillmans, Sarah Lucas, Raymond Pettibon, Cosima von Bonin und Martin Kippenberger. Dabei sollten die – teilweise extra für die Ausstellung in Auftrag gegebenen – Arbeiten einen Dialog herstellen, der “auf Assoziationen und atmosphärischen Verbindungen sowohl zu RWFs kreativem Schaffen als auch zu seiner kulturellen und politischen Gegenwart“ basiert. Zwar ist die Ausstellung schon seit Ende November vorbei, auf der Website der CFA kann man sich aber mit einer virtuellen Tour noch einen guten Eindruck verschaffen: https://bit.ly/34kfXZX

Da die Kinos seit dem 2. November ebenfalls geschlossen sind, musste auch das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg (IFFMH) improvisieren und konnte nur online stattfinden. Dabei gab es in diesem Jahr mit Sascha Keilholz nicht nur einen neuen Leiter, sondern auch den 2020 ins Leben gerufenen Rainer Werner Fassbinder Award für das beste Drehbuch. Der Name des mit 10.000 Euro dotierten Preises soll dabei an den “herausragenden Drehbuchautor“ erinnern, “der manchmal im Schatten des furiosen Regisseurs steht“. Fassbinders KATZELMACHER (1969) feierte auf dem IFFMH seine Weltpremiere.

Aus dem diesjährigen Wettbewerb prämierte die Jury den Debütfilm des chinesischen Regisseurs Zhang Qi. In der Laudatio wurde SINGLE CYCLE als “wundervolles Rätsel“ beschrieben, “das umso schöner wirkt, weil es unlösbar ist.“

Wir verabschieden uns damit in die Winterpause und wünschen unseren Lesern und Freunden diesmal nicht nur ruhige Weihnachtsfeiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr, sondern auch beste Gesundheit sowie gutes Durchhaltevermögen während etwaiger Lockdowns. 2021 melden wir uns dann wieder mit Neuigkeiten rund um Rainer Werner Fassbinder.

Mehr zu den Filmen von Rainer Werner Fassbinder:
http://www.fassbinderfoundation.de/filme-von-fassbinder/ DE
http://www.fassbinderfoundation.de/filme-von-fassbinder/?lang=en EN
http://www.fassbinderfoundation.de/filme-von-fassbinder/?lang=fr FR

Foto links: Hanna Schygulla in LILI MARLEEN © DFF / Archiv Barbara Baum
Foto rechts: BERLIN ALEXANDERPLATZ, Entwurf: Barbara Baum © DFF / Archiv Varbara Baum

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